Das Bundesgericht bemängelte das Gutachten zum Hauswartmord. Nun kontern Psychiater die Kritik und prüfen Massnahmen zur Qualitätssicherung.

Das Urteil des Bundesgerichts kriti sierte den Gerichtspsychiater Frank Urbaniok im Fall des Rapperswiler Hauswartmordes scharf. Unter anderem könne das Gutachten inhaltlich nicht überzeugen und Urbaniok habe die Begutachtung nicht persönlich vorgenommen, sondern grossmehrheitlich durch eine «Assistentin» durchführen lassen. Dies sei mit dem Auftrag nicht vereinbar. In einem Artikel im juristischen Fachmagazin «AJP» kritisiert Urbaniok nun gemeinsam mit anderen renommierten Gerichtspsychiatern das Urteil. Zur Erinnerung: Der Täter hat am 25. März 2011 vor dem Swisscom-Gebäude in Rapperswil einen 53-jährigen Hauswart mit einer Schrotflinte erschossen.

Das Gericht könne anhand der unterschiedlichen Untersuchungszeiten nicht rückschliessen, dass die vollständige Bearbeitung und Beantwortung der Gutachterfragen an eine Hilfsperson – eine Fachärztin mit Schwer punkt Forensische Psychiatrie – dele giert wurde. Urbaniok selbst hat im Fall des Hauswartmörders zwei so – ge nannte Explorationen von insgesamt 140 Minuten vorgenommen. «Der persönlich beauftragte Gutachter trägt die Gesamtverantwortung», schreiben die Psychiater. Unabhängig, ob sie das Gutachten alleine erstellen oder Mitarbeiter mit einbeziehen.

Deutliche Worte gewählt

Die vier Psychiater sparen im Fach magazin nicht mit Kritik. Man stelle sich vor, dass «von einem Herzchirurgen verlangt würde, dass er vom ersten Hautschnitt bis zur letzten Hautnaht alle medizinischen Handlungen selber vornimmt». Das sei «ein ebenso absurder Gedanke wie, dass zum Beispiel ein Langstreckenpilot den Steuerknüppel vom Start bis zur Landung nie aus der Hand gibt» und weiter: «Ein Gerichtspräsident die Urteilsbegründung vom ersten bis zum letzten Buchstaben selber schreiben müsste.»

Die Kritik kommt nicht von unge fähr: Bereits 2014 urteilte das höchste Gericht, die Begutachtung von Straftätern müsse durch Psychiater erfolgen. Bei Personen mit psychologischer Ausbildung sei nicht sichergestellt, dass das notwendige Fachwissen vorhanden ist.

Die Psychiater diskutieren im Artikel weitere Bundesgerichtsurteile und kommen zum Schluss, die Richter würden eine Grenze zwischen psychiatrischer und psychologischer Expertise ziehen, «die es in dieser Weise nicht mehr gibt und angesichts des Personalmangels in der Psychiatrie auch nicht mehr geben kann». Die Psychiater hoffen, dass die bisherige Vorgehensweise wieder akzeptiert wird. Wie Elmar Habermeyer, Direk tor der Zürcher Klinik für Forensische Psychiatrie, auf Anfrage bestätigt, plant man als Massnahme zur Qualitätssicherung und -prüfung zusätzlich an einer Schweizer Universität einen Weiterbildungsstudiengang zur strafrechtlichen und kriminalprognostischen Begutachtung. Dieser wird sowohl Medizinern als auch Psychologen offen stehen. Der Startzeitpunkt ist derzeit noch offen.

Im Fall des Hauswartmörders muss das Kantonsgericht St. Gallen ein neues Gutachten bestellen, um die Frage der Verwahrung zu klären. Das werde in den nächsten Wochen geschehen, teilt das Gericht mit.

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