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Das Live-Spreadsheet: Der etwas andere Wahl-Krimi

Sonntagmittag, kurz nach 12 Uhr: Ich spüre, das wird ein besonderer Wahlsonntag. Das revidierte Radio- und TV-Gesetz spaltet die Schweiz. Niemand kann zu diesem Zeitpunkt ahnen, wie knapp die Abstimmung ausgehen wird. Das ist die Geschichte einer simplen Tabelle, die am späteren Nachmittag kurzzeitig Twitter (und einige Redaktionsräume) erobert.

Weder zählen bei der Abstimmung um das RTVG Prozentzahlen, noch ein Ständemehr. Das einzige was zählt sind Stimmen. Vor einem Jahr, bei der Abstimmung zur Masseneinwanderungsinitiative, hatte ich bereits einmal in der Schweizer Medienlandschaft die rasche Übersicht von Stimmenzahlen vermisst. Damals hatte ich bereits selbst gerechnet, allerdings ohne meine Excel-Liste öffentlich zu machen.

Bei der RTVG-Abstimmung wollte ich die Excel-Tabelle erneut führen. Erst dachte ich, zwischendrin einmal eine Übersicht zu vertwittern. Doch ganz spontan entschied ich mich für die Google Spreadsheet Variante: Öffentlich freigegeben, damit jeder ständig die aktuellen Resultate sehen kann. (Das Original-Dokument)

Bereits zu Beginn zählte ich auf Twitter einige Retweets, obwohl die Tabelle zu Beginn noch mit grossen Lücken auskommen musste. Viele Kantone vermelden keine Zwischenresultate, zudem ist es schwierig alleine 26 Kantonswebseiten im Blick zu behalten. Spontan erhielt ich sogar Hilfe: Twitter-Nutzer meldeten neue Resultate oder kontrollierten die Tabelle auf Tippfehler:

Mit der Zeit wurde die Arbeit einfacher: Immer mehr Kantone hatten fertig ausgezählt. Doch damit stieg auch der Druck. Angestachelt von den positiven Reaktionen wollte ich schnell sein. Ein Live-Spreadsheet ist nur dann spannend, wenn es auch wirklich sofort aktualisiert wird. Wer liest schon gerne veraltete Daten und wo wäre dann der Gewinn zu den Live-Tickern der Medienhäuser? Es folgen bange Minuten: Die Resultate des Kantons Wallis sind plötzlich aus dem Netz verschwunden. Ein Politiker fragt via Facebook-Nachricht, wie viele Gemeinden bei meiner Datenbasis denn im Wallis ausgezählt worden sind. Waren es 130 von 135 oder doch schon 133? Ich weiss es ehrlich gesagt nicht mehr. Ich antworte ihm vage. Inzwischen sind auch einzelne Redaktion auf das Live-Spreadsheet aufmerksam geworden. watson schreibt beispielsweise:

Um kurz nach 16 Uhr wartet die ganze Schweiz auf das Ergebnis des Kreises Bern-Mittelland. Der Kanton würde die Resultate erst dann publizieren, wenn alle Gemeinden ausgezählt sind. Was tun? Die Stadt Bern hatte – im Vergleich zu anderen grossen Gemeinden in der Region, wie Köniz oder Ostermundigen – zu diesem Zeitpunkt ihre Resultate aufgeschaltet. Es ist der einzige Moment am Sonntagnachmittag, an dem ich den Taschenrechner zur Hand nehme. Ich komme zum Schluss:

Um schneller zu sein bereite ich einen Tweet vor:

„Jetzt ist alles klar: __ zum neuen . Differenz: _____ Stimmen Die Übersicht: https://docs.google.com

Kurz nach 16:20 Uhr aktualisiert der Kanton Bern seine Webseite. Die Resultate sind fix übertragen, die Differenz von 3696 Stimmen erscheint in meinem Spreadsheet. Diese Zahl wird die Schlagzeilen beherrschen – nicht wegen meinem Tweet natürlich, doch ich bin froh sie bereits jetzt im ersten Tweet zum Schlussresultat verbreiten zu können. In diesem Moment spielt es keine Rolle, ob ich schneller bin als die grossen News-Seiten.

39 Retweets innert weniger Minuten, für mich persönlich absoluter Rekord. Nicht zuletzt ist diese Zahl auch deshalb so hoch, weil ich von Personen retweetet wurde, die deutlich mehr Follower haben als ich. Insgesamt werden meine Tweets zum RTVG rund 25’000 Mal auf Twitter angezeigt. Durchschnittlich sind es pro Tag etwa 850 Impressions, wie ein Blick in meine Twitter Analytics zeigt.

Einen kleinen Schreck jagte mir ein Tessiner Journalist ein. Er fragte an der Pressekonferenz des Bundesrates: Es gebe eine Differenz zwischen den Zahlen die Medien und Bundesrätin Doris Leuthard erwähnten (3696 Stimmen) und den Daten der Bundeskanzlei (2700 Stimmen). Hatte ich falsch gerechnet? Daten falsch abgetippt? Das musste ich noch klären:

Fazit:

– Das Spreadsheet ist auf das Maximum reduziert. Es zeigt keine Prozentzahlen, keine Grafiken und ist nicht interaktiv – dafür auf Smartphones, Tablets und Computern verwendbar.

– Im Vergleich zu vielen Infografiken auf Medienwebseiten können einfach Zwischenresultate integriert werden.

– Die Tabellenzelle „Differenz“ zeigt den entscheidenden Faktor auf einen Blick. Dieses Element fehlte meines Wissens zwar überall – ist aber in den wenigsten Fällen entscheidend.

– Die Reduktion auf das Minimum hatte für mich einen entscheidenden Vorteil: Ich musste, im Vergleich zu den Medienhäusern, keine anderen Quellen (Radio, TV, Twitter, Konkurrenzmedien) beobachten.

– Dank Twitter-Prominenz hat es das Live-Spreadsheet extrem weiterverbreitet. – Hoffnung: Bei der nächsten knappen Abstimmung führen einige Medien selber Spreadsheets ein.

Einige Reaktionen zusammengefasst:

Dank deiner Abstimmungstabelle waren wir im Radio eine Minute schneller als sämtliche Pushs. Merci! (Journalist via Facebook)

Zum Autor: Conradin Knabenhans ist Journalist bei der Zürichsee-Zeitung. Das Google Spreadsheet, die Tweets und dieser Blogartikel wurden privat erstellt.

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