Leitartikel: Asylbewerber haben Anstand verdient

Von «Bergruh» ist in Amden kaum noch etwas zu spüren. Die Ankündigung des Kantons St. Gallen, in der 1800-Seelen-Gemeinde das Kurhaus Bergruh zum Asylzentrum umzunutzen, führte zu einer Welle der Empörung. Die Gemeinde hat sichtlich keine Freude am Entscheid, der Tourismusverein fühlt sich «existenziell bedroht», und einige Ammler fürchten auf selbst gemalten Transparenten an Hausmauern um ihre «heile Welt».

Als gebrannte Kinder fühlen sich die Ammler. Zum zweiten Mal wird ein Asylzentrum eingerichtet. Tief sitzen die negativen Erinnerungen an das von 1985 bis 2005 bestehende Ammler Durchgangszentrum. Von besetzten Fussballplätzen, ungebührlichem Verhalten in der Post­filiale bis zu Diebstählen ist die Rede. Es sind Sorgen, wie sie vor einigen Jahren auch einige Thalwiler hatten, als sie sich gegen Notwohnungen an der Alten Landstrasse wehrten. Sie fühlten sich an Pro­bleme mit ihrem Durchgangszentrum erinnert. Solche Sorgen sind nachvollziehbar und müssen von den Behörden ernst genommen werden. Die Verantwortlichen scheinen das zu tun: Nicht umsonst wurden bei Asylzentren die Polizeikontrollen verschärft, für die Bevölkerung Notfalltelefone eingerichtet und die Betreuung der Asylsuchenden intensiviert. Das ungute Gefühl der Bevölkerung lässt sich erst aus dem Weg schaffen, wenn die Asylbewerber einziehen. Das zeigt sich in der Nachbargemeinde Weesen. Auch dort wurde, wenn auch deutlich leiser, vor der Eröffnung des temporären Asylzentrums Kritik geäussert. Nun ist das Zen­trum in Betrieb, mit den gleichen Begleitmassnahmen, die auch in Amden geplant sind: Im ersten Monat hat kein einziger Weesner die Notfallnummer gewählt, an den runden Tisch mit den Behörden kamen nur fünf Personen. Kein Wunder, meint der Gemeindepräsident: Viele Sorgen hätten sich als unbegründet erwiesen.

Die pauschale Vorverurteilung der Asylbewerber ist deshalb besonders störend. Bei allem Respekt für die kritischen Stimmen: Ein gewisses Vertrauen muss man jedem Menschen entgegenbringen. ­Unabhängig davon, aus welcher Region er stammt oder welcher Religion er an­gehört. Es spricht Bände, dass selbst die Schwestern des Baldegger Ordens, die das Kurhaus dem Kanton vermieten, und ein St. Galler Regierungsrat an der Infoveranstaltung in Amden ausgebuht wurden. Der Anstand scheint bei einigen Wutbürgern auch ge­gen­über regional ­bekannten Personen verloren gegangen zu sein. Da hilft es auch nicht, dass der Zolliker PR-Berater Klaus J. Stöhlker in einem Blogbeitrag schreibt: Jeder siebte Einwohner von Amden werde künftig ein Fremder sein, der von Sozialleistungen leben müsse. «Ob dies zu Einbrüchen in die Ferienwohnungen und Ferienhäuser führen wird, wird sich erst herausstellen.» Den Baldegger Schwestern wirft er vor, an der Vermietung kräftig zu verdienen: «Unter Marias Mantel der Wohltätigkeit verbirgt sich kühle Berechnung.» Statt sachlich, wie es notwendig wäre, wird nur emotional argumentiert. Kein Wunder, stellen die Behörden die Bürger vor vollendete Tatsachen. Anders liesse sich ein Asylzentrum gar nicht mehr realisieren. Es stimmt traurig, dass das Mitbestimmungsrecht offenbar wegen einzelner ­respektloser Stimmen beschnitten wird.

Zur emotionalen Debatte gehört auch, dass das Asylzentrum dem Tourismus schade. Durch den Wegfall der Kurgäste fehlen Einnahmen der Kurtaxen. Doch bleiben Touristen wirklich weg, weil im Dorf Asylbewerber leben? Das ist zu bezweifeln. Ich zum Beispiel kenne niemanden, der nicht nach Davos fahren würde, weil dort ein Asylzentrum steht. Viele wissen das wohl gar nicht. Vielmehr bleibt in Erinnerung, dass sich auch andere Tourismusorte gegen Asylzentren wehren. Das bündnerische Laax sogar bis vor Bundesgericht. Die Frage sei erlaubt, ob die negativen Schlagzeilen um die sich wehrenden Ammler nicht eher den Tourismus gefährden. Wie schrieb ein Twitter-Nutzer: «Wer in Amden Ferien macht, ist selber schuld – nicht wegen der Asylbewerber, sondern wegen der Einwohner – die wollen keine Fremden.» Noch bleibt Zeit, aufeinander zuzugehen: in einem fairen, offenen und respektvollen Dialog.

Aus der Zürichsee-Zeitung vom 16. Mai.

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