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Sam Steiner: Ich hatte nicht das Herzblut, ein Facebook zu gründen für die ganze Welt – leider.

Sam Steiner berät Unternehmen bei ihrem Auftritt im Internet und betreibt einen Online-Shop. Er gilt als Experte für soziale Netzwerke, hat es aber trotz Pionierarbeit verpasst, Facebook zu gründen.

Wochengespräch aus der Zürichsee-Zeitung vom 2. März 2015 (Original PDF ).

Sam Steiner, Sie wollen mit Ihrer Agentur Alike.ch Firmen «schlagkräftiger» machen im Web. Das klingt brutal.
Sam Steiner: Ich kann es auch romantischer formulieren: Die Unternehmen müssen wirkungsvoller werden. Wenn die Schweiz in Sachen Internetbusiness nicht aufwacht, werden wir von internationalen Firmen wie Amazon oder Zalando überrollt. Davon bin ich überzeugt. Mein Job ist es, KMU vorzubereiten, damit die Branchen nicht in Schwierigkeiten geraten.

Wo spüren Sie diesen Tiefschlaf?
Manche Unternehmen beklagen sich zwar, dass sie weniger Umsatz machen. Gleichzeitig sehen Sie nicht ein, dass sie zum Beispiel um 60 Prozent wachsen könnten, wenn sie das Internet geschickt nutzen würden. Manchmal habe ich das Gefühl, es gehe den Firmen trotz Eurokrise immer noch zu gut. Die Situation zwingt sie noch nicht dazu, innovativer zu werden. Oft beobachtet man nur, was andere Unternehmen in der Branche tun. Die erste Firma geht auf Facebook, eine andere zieht nach. Aber die Unternehmen erkennen die besten Möglichkeiten nicht.

Das bekannteste Beispiel ist wohl Coop. Der Detailhändler betreibt noch immer keine Facebook- oder Twitter-Profile.
Für mich wirkt es so, als sei Coop nicht am Dialog mit den Kunden interessiert. Das kommuniziert auch eine Botschaft. Ich entscheide aufgrund der Nahbarkeit, welche Firma mir sympathisch ist. Viele grosse Firmen haben das inzwischen gelernt – einige danken ja auch für Komplimente. Das überrascht positiv und stärkt meine Treue.

Sie haben vor einiger Zeit einen Onlineshop für Blechschilder gegründet. Wollen Sie damit praxisnah aufzeigen, was Sie dozieren?
Für mich ist es ein Spiel- und Tummelfeld, aber auch ein ernst gemeintes Projekt. Ich teste mit verschiedenen Projekten gerne Tools und Optionen, die ich meinen Kunden weiterempfehlen kann.

Sie sind sehr transparent und teilen in einem Blog gar Umsatzzahlen mit und zeigen auf, wie Sie Werbung schalten. Welche Reaktionen erhalten Sie darauf?
Viele finden es toll, dass wir so transparent sind. An unserem Beispiel sieht man, dass es nicht reicht, einfach einen Shop ins Internet zu stellen und zu warten. Ich investiere laufend Zeit, um Werbung und Suchmaschinenpositionierung zu optimieren.

Gehen wir etwas zurück in die Vergangenheit: 1992 hörten Sie in einem Informatik-Ferienjob vom kommenden «World Wide Web». Woher hatten Sie das frühe Interesse an Computern?
Wir hatten durch die Firma, bei der mein Vater arbeitete, sehr früh einen Computer zu Hause. Dieser kostete ungefähr 30 000 Franken und war wohl der erste im Dorf überhaupt. Bei dieser Firma habe ich viel später vom «WWW» gehört, konnte mir aber unter dieser Spinnennetz-Metapher wenig vorstellen.

Das Internet damals hatte noch wenig mit dem heutigen Web zu tun. Was faszinierte Sie?
Man war überwältigt von der Fülle der Information, die bereits im noch jungen Netz existierte. Ich interessierte mich besonders für Bassgitarren und entdeckte historische Informationen zu meinem Hobby – das war total neu, dies plötzlich auf dem Bildschirm zu sehen.

Sie haben im Internet nicht nur über Bassgitarren gelesen,
sondern gleich eine eigene Community dafür gegründet.
Ja, als Diplomarbeit meiner Ausbildung musste ich eine Website bauen, die gewisse Kriterien erfüllte. Das brachte mich auf die Idee, ein Forum mit Nutzerprofilen für Bassisten zu gründen. Heute würde man das als soziales Netzwerk bezeichnen, nur kannte man diesen Begriff damals noch nicht. Diese Arbeit erhielt Bestnoten, weil weder die Experten, geschweige denn ich selbst, so etwas zuvor gesehen hatten.

Damit war die Arbeit wohl nicht getan?
Ich habe nächtelang gearbeitet, um die ersten Nutzer auf die Seite zu locken. Das war ein harter Job, bis die Seite von selbst wuchs. Die Nutzer organisierten bald auch reale Treffen – es entstanden echte Freundschaften, die heute noch halten.

Ich vermute: Sie waren innovativ, ohne es zu merken.
Ich habe mir überlegt: Wenn ich es für Bassisten schaffe, dann auch für Schlagzeuger oder andere Musiker. Ich habe es dann auch versucht und eine Kopie erstellt, spürte aber rasch, dass ein solches Forum nur funktioniert, wenn der Betreiber auch Herzblut reinsteckt. Ich hatte nicht das Herzblut, ein Facebook zu gründen für die ganze Welt – leider.

Bereuen Sie das?
Wer möchte nicht auch erreichen, was Mark Zuckerberg bei Facebook geschafft hat. Aber für mich stand das nie zur Debatte, deshalb bereue ich es auch nicht.

Das Internet entwickelt sich. Wie bleiben Sie am Puls der Zeit?
Ich melde mich bei vielen Tools an und probiere Dinge aus. Ich lese Blogs, Newsletter und höre Podcasts. Viel Inspiration kommt von Internet-Unternehmern in den USA.

Vor kurzem waren Sie in einem Ranking der «SonntagsZeitung» unter den zehn einflussreichsten Schweizern in sozialen Netzwerken. Können Sie überhaupt offline gehen?
Ich war gerade zwei Monate in Südamerika und sehr oft offline. Das war für mich eine gute Übung, und ich spürte, dass ich durchaus zwei Wochen ohne Internet sein kann. Ich merkte: Jetzt sind andere Dinge wichtiger. In der Schweiz ist das anders. Da muss ich mich beispielsweise fragen, ob ich das Smartphone am Esstisch nutzen will. Auch den Kindern Aufmerksamkeit ohne Computer zu schenken, ist für mich enorm wichtig geworden – ich muss es lernen.

Sie leben in Rapperswil gemeinsam mit Ihrer Frau, den zwei Kindern und vier anderen Bewohnern in der sogenannten #zVilla. Ein solches WG-Leben entspricht nicht gerade dem typischen Familienklischee.
Unsere Wohnung ist eine Art «Offline Social Network». Wenn wir als Familie alleine am Esstisch sitzen, ist das schon fast einsam. Dank der #zVilla gehören viele andere auch zur Familie. Wir haben aber unsere eigene Etage im Haus, um uns zurückziehen zu können. Geträumt haben wir schon immer davon, mit anderen Leuten zu leben und Platz für Kreativität zu haben.

In der Villa gibt es Offlinezeiten ohne Internet und Smartphone. War das schwierig durchzusetzen?
Immer am Donnerstagabend haben wir unseren «Kulturabend». Dann sitzen wir zusammen, trinken ein Glas Wein, diskutieren oder spielen Karaoke. Das hat sich so entwickelt und ist kein Problem, obwohl wir viele online-affine Leute bei uns haben.

Wenn ein Platz frei wird: Was ist Bedingung, um einzuziehen? Freude am Hippieleben in einer Kommune oder doch ein Twitter-Account?
Macbook und Twitter-Account wären fast wichtiger. Wir sind keine Studenten-WG mit günstigen Zimmern, das schliesst die Hippies etwas aus. Wir suchen vielleicht eher die Alt-Hippies. Wir haben viele Bewohner via Twitter kennen gelernt, aber das ist nicht Bedingung.

Sam Steiner (1976) arbeitete über 10 Jahre in Webagenturen und gründete 2010 seine Digitalmarketing Agentur «alike.ch». Seither arbeitet er selbständig als Berater und Dozent. Seit 2014 betreibt er mit einer Mitbewohnerin der #zVilla den «blechschildershop.ch». Bereits während der Ausbildung gründete er 1999 das Social Network «Bassic», welches er 2013 verkaufte. Als Mitarbeiter einer Webagentur konzipierte er 2001 den ersten Betty Bossi Online-Shop.

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