Der elfjährige Loïc Sho Guentensperger spielt im schweizerisch-japanischen Kinofilm «Der grosse Sommer» an der Seite von Mathias Gnädinger die Hauptrolle. Für sechs Wochen tauschte er die Schulbank mit dem Filmset.

Jungschauspieler Loïc Sho Guentensperger und seine Filmfigur Hiro haben nur eine Gemeinsamkeit: Beide sind sie halb schweizerischer, halb japanischer Abstammung.

Hiros Leben im Film verläuft jedoch ganz anders als das von ­Loïc. Hiro ist ein Waisenkind, er lebt bei seiner Grossmutter in Bern und will unbedingt seinem verstorbenen Vater nacheifern, der früher ein bekannter Sumo-ringer war. Herr Sommer, gespielt von Mathias Gnädinger, soll Hiro, nachdem seine Grossmutter ebenfalls stirbt, an die Sumo-Schule in Japan begleiten. Diese Schule besuchte auch Hiros Vater.

Trotz filmischer Bekanntschaft mit Sumoringern ist der Sport der dicken Männer für den elfjährigen Loïc in der Schweiz kein Thema. Im Gespräch setzt er einen schelmischen Blick auf, tastet kurz über seinen Bauch und fügt dann an: «Hier ist Fussball mein Hobby.» Der Fünftklässler spielt beim FC Rapperswil-Jona in einer Juniorenmannschaft. Ohnehin: Hätte er statt Fussballern den Sumoringern nachgeeifert, er hätte die Hauptrolle im Film «Der grosse Sommer» nie erhalten. Beim Casting war ein «eher schmaler Junge» für die Rolle von Hiro gesucht.

In die Rolle gerutscht

Sein Vater Rolf Guentensperger betont, beim Lesen des Castingaufrufs sei man sich gar nicht ­bewusst gewesen, welche grosse Aufgabe auf Loïc zukommen würde: «Wir sind ein wenig reingerutscht.» Am ersten Castingtag musste der Primarschüler ein kleines Theaterstück spielen, in der zweiten Runde stand das klassische Vorsprechen einer Szene auf dem Programm. Die aus vierzig Kindern ausgewählten Kandidaten für die letzte Runde mussten zudem ihr Talent als Sumoringer unter Beweis stellen. Für diesen Auftritt vor der Jury mit Mathias Gnädinger übte Loïc ­tagelang gemeinsam mit seiner Mutter Akiko Guentensperger. «Ich habe es zuerst gar nicht richtig geglaubt, dass ich die Rolle bekommen habe», sagt Loïc rückblickend. Er habe sich aber sofort ans Lernen des Drehbuchs gemacht. Fast alle Texte habe er sich schon beim ersten Lesen merken können. Nur bei der ­Aussprache brauchte der junge Schauspieler noch Nachhilfe. Filmfigur Hiro spricht Berndeutsch. Mit vielen Mani-Matter-Liedern, berndeutschen Texten und regelmässigen Coachings lernte er jedoch auch dies relativ rasch.

Mit Aufgaben in Japan

Ganze sechs Wochen dauerten die Filmaufnahmen in ganz Japan. Gedreht wurde nicht nur in Tokio, sondern auch auf Inseln, in Flugzeugen und im japanischen Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen. Am Filmset habe es lange Tage gegeben, erzählt Loïc. Mühe bereitete ihm vor allem das frühe Aufstehen, die Drehs vor der Kamera erlebte er von der konzentrierten und doch lockeren Seite. Da ein Teil der Dreharbeiten während der Schulzeit stattfand, musste er zudem Aufgaben lösen. Trotz Wochenplan habe er dann nicht ganz alle Hausaufgaben geschafft.

Viel mehr noch als der eigentliche Filmdreh hat dem Elfjährigen aber der Blick hinter die Kulissen gefallen. Begeistert erzählt er von der «grossen Kamera», von dem Tag, als er selbst die Filmklappe bedienen durfte, und von den Tricks, welche die Crew beim Drehen nutze. Nur eines dieser Filmgeheimnisse will er verraten. Statt Mathias Gnädinger von der Decke herab schlafend zu filmen, wurde sein Bett kurzerhand hochkant an die Wand gestellt. Für die Produzenten ein einfacher Trick, um schnell und ungefährlich zu inszenierten Schlafszenen zu kommen. Für Mathias Gnädinger eine Herausforderung: Sich im Stehen schlafend zu stellen und gleichwohl entspannt auszusehen, das schaffen nur Profis.

Für Loïc Guentensperger ist das Filmabenteuer nun vorerst zu Ende. «Der grosse Sommer» von Regisseur Stefan Jäger kommt voraussichtlich im Herbst 2015 in die Kinos. Seit dieser Woche hat Loïc sein normales Primarschulleben zurück. Für ihn sei dies kein Problem, meint er. Seine Freunde und seine Hobbys sind ihm momentan noch wichtiger als ein bisschen Ruhm. Gefragt nach seinen Berufswünschen, sagt der Elfjährige: «Kameramann, Architekt und vielleicht ein bisschen Schauspieler.»

Zürichsee-Zeitung, 15. November 2014

 

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.