Herumdoktern – Kommentar zum Fall Mörgeli

„Professor Mörgeli vergab Doktortitel fürs Abschreiben“ – titelt der Onlineauftritt von SRF. Das mag auf den ersten Blick zwar stimmen, doch ist die Sachlage etwas komplizierter. Das Editieren von Texten ist anspruchsvoller als das reine Abschreiben. Dennoch darf man sich Fragen stellen, wann Wissenschaft wissenschaftlich genug ist.

Nach einem Blick in einige der kritisierten Dissertationen würde ich zumindest im Einzelfall davon ausgehen, dass nicht bei allen Arbeiten die Kriterien der Promotionsordnung vollständig eingehalten wurden.

„Die Dissertation ist eine Abhandlung, aus der die Befähigung erkennbar wird, ein wissenschaftliches Problem zu erfassen, selbstständig zu bearbeiten und unter Berücksichtigung des vorhandenen Schrifttums verständlich darzustellen.“

Eine reine Edition historischer Texte ohne Kommentare dürfte dafür nicht reichen, abschliessend können dies jedoch nur Fachspezialisten beurteilen. Klar ist: Die Bewertung einer Dissertation obliegt immer der Verantwortung von mindestens zwei Personen. Zusätzlich muss die jeweilige Fakultät den Promotionen zustimmen und kann bei allen Kandidaten Einspruch erheben und weitere Gutachten verlangen.

Unabhängig davon, zu welchem Schluss die Untersuchungen der Universität Zürich kommen und wie die weiteren Entwicklungen im Fall Mörgeli sind, scheinen mir zwei ganz grundsätzliche Punkte wichtig:

 

1. Problematik – Unterschiedliche Fachanforderungen

„Die tieferen wissenschaftlichen Ansprüche an medizinische Dissertationen sind international üblich. Der Unterschied ergibt sich aus der längeren Ausbildungszeit für Ärztinnen und Ärzte“, schrieb der Zürcher Regierungsrat vor einiger Zeit als Antwort auf eine politische Anfrage im Zürcher Kantonsrat.

Die Vergleichbarkeit von Doktortiteln ist meines Erachtens ein grundlegendes Problem des Wissenschaftsbetriebes. Dies zeigt sich in verschiedenen Fächern. Während einige eine Monographie in Buchform verlangen, erlauben gewisse Fächer auch kumulative Dissertationen, bestehend aus Fachartikeln. Ein Blick in die Promotionsordnung der Universität Luzern (KSF) zeigt auch hier Unterschiede auf: Die Politikwissenschaft verlangt für eine kumulative Dissertation „eine Sammlung von mindestens drei bereits publizierten oder zur Publikation eingereichten Fachartikeln, wovon mindestens zwei in Alleinautorschaft verfasst sein müssen, sowie einem Rahmenpapier in Alleinautorschaft.“ Diese Artikel müssen das „wissenschaftliche Gewicht“ einer Monographie haben. Die Ökonomen hingegen verlangen „eine Sammlung von Fachartikeln, die auch in Ko-Autorschaft verfasst worden sein können, sowie einem Rahmenpapier in Alleinautorschaft.“ Allein dieses kleine Beispiel innerhalb einer Fakultät zeigt auf, dass Doktortitel nicht gleich Doktortitel sein kann. Wie sollen denn Mediziner mit Philosophen oder Rechtswissenschaftler verglichen werden?

Diese Problematik kennt das Wissenschaftssystem aber ganz allgemein, schon die Vergleichbarkeit von Bachelortiteln verschiedener Universitäten aber gleicher Fächer lässt zu wünschen übrig.

Aussenstehende beurteilen zudem den Wert eines Doktortitels aufgrund anderer Kriterien, als man es innerhalb eines bestimmten Faches tun würde.

Doch was bedeutet dies für die Medizin? Kann man eine klinische Untersuchung mit einer medizinhistorischen Arbeit vergleichen und sollten möglicherweise unterschiedliche Anforderungen gelten (die allenfalls näher an den ursprünglichen Fachgebieten Geschichte oder Naturwissenschaften liegen)? Als Aussenstehender kann ich diese Frage nicht beantworten, aus meiner Sicht wäre sie jedoch durchaus bedenkenswert. Denn: Ein Doktortitel bleibt ein Statement und ein Status.

 

2. Problematik – Wissenschaftliche Redlichkeit

Unabhängig davon, ob die Vorwürfe gegen Christoph Mörgeli in irgendeiner Form zutreffen: Wer für seine Arbeit einen Ghostwriter anstellt, für Übersetzungen andere Personen bezahlt, darf keinen Doktortitel erhalten. So will es die wissenschaftliche Redlichkeit. Wenn den Arzt nun das schlechte Gewissen plagt, wie er in der Rundschau anonym ausführte, dann sollte sich dieser Doktor überlegen, die entsprechenden Konsequenzen ziehen.

Ob Doktorvater, Doktorand oder Student – für sie alle gilt: Unehrliches Verhalten im Wissenschaftsbetrieb schadet den Beteiligten und gefährdet den Ruf der Universitäten.

 

 

Hintergrundinformationen zur „Causa Mörgeli“

Informationen zur Promotion an der Medizinischen Fakultät der Uni Zürich

Volltext der Dissertation: Berichte von Zürcher Ärzten, Chirurgen und Apothekern anlässlich der Halbjahrestagungen der Medizinisch-chirurgischen Gesellschaft des Kantons Zürich 1815-1820

Volltext der Dissertation: Porträt- und Biografiensammlung Meyer zum Felsenegg, Zürich

Bericht der Rundschau

 

 

Conradin Knabenhans ist seit November 2010 Redaktor und Moderator der Sendung CampusRadio auf Radio 3FACH. Er studiert an der Universität Luzern Kulturwissenschaften auf Masterstufe.